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Vorwort des Vorstandsvorsitzenden

Mag. Dr. Peter Untersperger

Ein herausragendes Rekordjahr mit dem besten Ergebnis der Unternehmensgeschichte ging 2010 zu Ende. Wir haben den dynamischen Wachstumskurs unseres Unternehmens enorm beschleunigt, den Umsatz um 45 % gesteigert und das operative Ergebnis verdoppelt. Die Weichen wurden gestellt, um in den nächsten Jahren optimal vom „Cellulose Gap“ zu profitieren.

Als die Erholung am globalen Fasermarkt zu Beginn des Geschäftsjahres 2010 an Fahrt gewann, gab es noch die eine oder andere Meinung, die globale Nachfrage in unserer Industrie könnte sich im Jahresverlauf wieder eintrüben. Wir haben aufgrund fundamentaler Marktanalysen und des Feedbacks unserer Kunden stets die Auffassung vertreten, dass der seit Mitte 2009 spürbare Aufschwung kein Strohfeuer, sondern wahrscheinlich der Beginn eines länger anhaltenden Aufwärtstrends in der Man-made Cellulosefaserindustrie ist. Die dynamische Entwicklung 2010 hat aber auch unsere optimistischen Erwartungen übertroffen.

Unserer Ansicht nach stellt das Geschäftsjahr 2010 den Beginn einer langen Aufwärtsentwicklung der Branchenkonjunktur auf Basis einer strukturellen Änderung der globalen Fasernachfrage dar. Der wachsende Wohlstand – vor allem in den Emerging Markets – kurbelt den globalen Faserverbrauch noch stärker an als bisher. Liegt der Faser-pro-Kopf-Verbrauch in Europa bei rund 25 kg, so beträgt er beispielsweise in China aktuell rund 12 kg, in Indien gar nur 5 kg. Allein aus diesem Nachholbedarf lässt sich das Aufholpotenzial für unsere Industrie erkennen. Weiters wächst die Weltbevölkerung gerade in den aufstrebenden Volkswirtschaften der Emerging Markets, was einen weiteren langfristigen Wachstumstreiber darstellt.

Für die Man-made Cellulosefaserindustrie kommt hinzu, dass Baumwolle aus verschiedenen strukturellen Gründen die steigende Nachfrage nur bedingt abdecken kann. Man-made Cellulosefasern wie unsere Lenzing Viscose®, Lenzing Modal® und TENCEL® Qualitäten werden aufgrund ihrer Eigenschaften (allen voran ihre Saugfähigkeit und ihr Tragekomfort) daher immer stärker für den hochqualitativen Einsatz im Textil- und Nonwovensbereich herangezogen. Immer mehr Bekleidungsketten und Verkaufskataloge bieten zahlreiche Lenzing Modal® und TENCEL® Produkte an. Marktanalysten haben bereits auf dieses „Cellulose Gap“ hingewiesen, der sich in den kommenden Jahren noch weiter öffnen wird.

Weiters rücken die ökologischen Vorteile von Man-made Cellulosefasern immer mehr ins Bewusstsein der Kunden. Ihre Herstellung aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz belastet unsere Umwelt deutlich geringer als Baumwolle mit ihrem extrem hohen Verbrauch an Wasser, Land und Agrochemikalien.

Wir gehen davon aus, dass diese strukturelle Entwicklung erst am Anfang steht und sich in den kommenden Jahren noch weiter beschleunigen wird. Als Sonderfaktoren kamen 2010 noch Wetterkatastrophen und Überschwemmungen in den Baumwollanbaugebieten Pakistan und Indien hinzu, wodurch allen Marktteilnehmern erstmals die Gefahr einer physischen Verknappung von Baumwolle vor Augen geführt wurde.

Es gibt somit neben Lenzing Viscose®, Lenzing Modal® und TENCEL® keine Man-made Fasern, die in so idealer Weise hohen Tragekomfort mit optimaler ökologischer Gesamtbilanz und Wirtschaftlichkeit verbinden.

Für die Lenzing Gruppe als Weltmarktführer bei Man-made Cellulosefasern ergeben sich aus dieser Entwicklung weitreichende Konsequenzen: Wir müssen, um die erwartete Nachfrage seitens unserer Kunden befriedigen zu können, den Ausbau unserer Kapazitäten forcieren. Das haben wir zwar in den vergangenen Jahren bereits getan, aber der Markt erwartet gerade von einem Marktführer nun eine weitere Beschleunigung des Wachstumstempos. Wir haben daher in Abstimmung mit dem Aufsichtsrat und auf Basis der Erkenntnisse des Jahres 2010 unsere Unternehmensstrategie adaptiert und darauf aufbauend entsprechende Weichenstellungen vorgenommen.

Wir haben uns das bisher größte Expansionsprogramm in unserer Unternehmensgeschichte für die nächsten vier Jahre vorgenommen. Wir planen durch Erweiterungs- und Umbauinvestitionen unsere Faserproduktion bis spätestens Mitte des Jahrzehntes auf eine Produktionskapazität von über einer Million Tonnen Fasern anzuheben und den Anteil an Spezialfasern weiter zu vergrößern. Dies entspricht bei einer Jahreskapazität von rund 710.000 Tonnen zum Jahreswechsel 2010/11 einem angestrebten Wachstum von über 40 Prozent innerhalb eines relativ kurzen Zeitraumes. Insgesamt planen wir inklusive Erhaltungsaufwendungen bis 2014 Investitionen in der Höhe von rund 1,5 Mrd. EUR.

Wir wissen, dass dies ein ehrgeiziges, aber erreichbares Ziel ist. Unsere Mitarbeiter haben gerade im abgelaufenen Geschäftsjahr 2010 ihre Leistungsfähigkeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt. So konnten wir Bau und Inbetriebnahme der vierten Faserproduktionslinie in Indonesien optimal abwickeln und die zusätzlichen Produktionsmengen sehr gut am Markt absetzen. Gleichzeitig haben wir 2010 mit Erweiterungs- und Optimierungsinvestitionen an mehreren Standorten begonnen und diese ebenfalls in Rekordtempo teilweise schon abschließen können.

Im Frühjahr 2010 setzten wir zudem mit dem Erwerb des tschechischen Zellstoffwerkes Biocel Paskov einen weiteren Meilenstein in der Geschichte unseres Unternehmens. Damit sind wir unserem Ziel, für den weiteren Ausbau unserer Faserproduktion auch die Versorgung mit dem dafür notwendigen Zellstoff aus eigener Produktion absichern zu können, ein gutes Stück näher gekommen. Weitere Ergänzungen und Investitionen sind aber auch hier noch notwendig.

Von ähnlicher strategischer Bedeutung für unser Wachstum wie die nachhaltige Versorgung mit dem Rohstoff Zellstoff ist die langfristige Absicherung unserer Finanzierungsbasis. Auch dabei wurden 2010 zwei wichtige Meilensteine gesetzt. Zunächst wurde im September eine 120 Mio. EUR Unternehmensanleihe platziert. Den großen Zuspruch, den diese Anleihe vor allem auch bei österreichischen Privatanlegern fand, werten wir als einen wichtigen Vertrauensbeweis für unser Unternehmen.

Als weiteren Schritt haben die Aktionäre der Lenzing AG im Dezember 2010 Vorratsbeschlüsse für Kapitalmaßnahmen gefasst und einen Aktiensplit beschlossen, der im Dezember umgesetzt wurde. Diese Maßnahmen sollen einerseits die Attraktivität der Lenzing Aktie erhöhen, andererseits bieten sie Lenzing künftig höhere Flexibilität in der Finanzierung über den Kapitalmarkt. Unser Kern- und Mehrheitsaktionär B & C hat uns die volle Unterstützung in der Umsetzung unseres Wachstumskurses ebenso zugesagt wie bei den Plänen zur Steigerung der Attraktivität der Lenzing Aktie.

Die absolute Konzentration auf das Wachstum in unserem Kerngeschäft cellulosische Fasern war auch der Grund, warum Lenzing nach reifl icher Überlegung den Verkauf des Kunststoff-Filamentsgeschäfts beschlossen hat. Die betroffenen Firmen, die 2010 wieder eine gute Performance gezeigt haben, können sich unter einer anderen Eigentümerstruktur langfristig besser entwickeln.

Ein erster Blick auf das Geschäftsjahr 2011 stimmt uns zuversichtlich: Lenzing ist durch die 2010 erfolgten Weichenstellungen sehr gut aufgestellt, das Wachstum der vergangenen Jahre fortzusetzen und sogar noch weiter zu beschleunigen. Wir verstehen Wachstum aber nicht bloß als Addition von Produktionsmengen, sondern noch viel mehr in qualitativer bzw. nachhaltiger Hinsicht. Verantwortung für unsere Umwelt ist bei Lenzing nicht bloß ein Lippenbekenntnis.

Darüber hinaus hat sich Lenzing als Qualitäts- und Innovationsführer weltweit eine hohe Reputation erworben. Der Ausbau unserer hochwertigen Spezialfaserproduktion wird deshalb einhergehen mit noch besserem Kundenservice sowie intensiver Forschung und Entwicklung, die für eine laufend gut gefüllte Innovationspipeline sorgen. Wir werden auch weiterhin großes Augenmerk auf anspruchsvolle Qualitäten auch bei unseren Standard-Faserprodukten legen. Wir wollen, so wie wir es in den vergangenen Jahren bewiesen haben, die Standards in unserer Industrie nicht nur setzen, sondern auch laufend weiter entwickeln.

Abschließend möchte ich mich bei unseren Kunden für die gute Zusammenarbeit im abgelaufenen Geschäftsjahr bedanken. Mein Dank gilt all unseren Mitarbeitern, die dieses besondere Rekordjahr möglich gemacht haben. Bei unseren Aktionären und Gläubigern möchte ich mich für das unserem Unternehmen entgegengebrachte Vertrauen herzlichst bedanken. Vertrauen ist und bleibt die tragende Basis unserer Zusammenarbeit.

 

Ihr

Unterschrift Peter Untersperger

Peter Untersperger